Es ist schwierig, sich ein Bild von der Mutter Ottos v. Bismarck zu machen. Auch wenn man sich nur auf glaubwürdige, schriftliche Zeugnisse zu ihrem Leben bezieht, müßte sie sich selbst dazu äußern können. Besonders interessiert ihr Verhältnis zu ihrem 4. Kind Otto Eduard Leopold, geboren 01.04.1815 zu Schönhausen.
Die Trauung Ferdinands v. Bismarck mit Wilhelmine Mencken fand im Sommer 1806 in der Potsdamer Garnisonskirche statt. Nach dem Umzug nach Schönhausen wurde sie kurz danach in der dortigen Kirche wiederholt. Es war alles andere als ein fröhlicher gemeinsamer Anfang, denn im gleichen Jahr wurde der Ort von plündernden Franzosen überfallen, so daß Gutsherrschaft, Pfarrfamilie und Bewohner in einen unzugänglichen Busch fliehen mußten. Am 11. April 1815 war in der Vossischen Zeitung zu lesen: “Die gestern erfolgte glückliche Entbindung meiner Frau von einem gesunden Sohn, verfehle ich nicht allen Verwandten und Freunden, unter Verbittung des Glückwunsches, bekannt zu machen. Schönhausen, den 2. April 1815 Ferdinand von Bismarck.”
Die Verbindung der Familie Mencken mit der Familie v. Bismarck ist nicht selbstverständlich. Vater Anastasius Mencken gehörte zu einer Gelehrtenfamilie mit Professoren. Nach einer diplomatischen Ausbildung wurde er Kabinettssekretär und Kabinettsrat zweier preußischer Könige (Friedrich Wilhelm II. und III.) und erfuhr dabei, zeitweise entlassen, Intrigen und Abhängigkeiten eines Hofamtes. Verheiratet mit der Witwe eines Direktors der Königlichen Tabakfabrik in Potsdam, konnte er finanziell unabhängig leben. Obwohl die Familie nicht zum Adel gehörte, profitierte sie von der Residenz. Es begann schon, indem Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinz Wilhelm Spielgefährten von “Minchen” Mencken in ihrem Potsdamer Garten waren. Wilhelmine wuchs in aufgeklärter und kulturbeflissener Umgebung auf mit eigenen sprachlichen und musikalischen Interessen und Fähigkeiten. Wenn auch die Bezeichnung “Lebedame” übertrieben ist, so lagen doch ihre Ambitionen wesentlich mehr im Gesellschaftlichen als im Familiären. Um die Hand der Siebzehnjährigen bewarben sich die beiden Brüder Friedrich und Ferdinand v. Bismarck. Wie es zu der Entscheidung für den schlichten Gutsherrn Ferdinand anstelle des wesentlich begabteren Gardeoffiziers Friedrich kam, ist nicht nachweisbar, da die Familie Tagebücher und Aufzeichnungen sogleich vernichten ließ. Immerhin deutet das auf eine interne Familienentscheidung hin. Dabei wurde Wilhelmine in eine andere Welt versetzt. So wundert es nicht, daß sie zeitlebens lieber in Berlin war und eigentlich von Kur zu Kur reiste, wobei “Kur” damals nicht nur ein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Ereignis war, bei dem man sich traf. So kam es, daß Otto kurz vor seinem 7. Geburtstag, wie vorher schon sein Bruder, von zu Haus buchstäblich abgeschoben wurde. Unter dieser Lieblosigkeit hat er lange gelitten. Die Unterbringung erfolgte in der Plamannschen Erziehungsanstalt in Berlin, einem Institut mit engsten pädagogischen Grundsätzen, das damals auch noch um seine Existenz zu kämpfen hatte. So sparte man auch noch an der Verpflegung der Zöglinge. Später schilderte Bismarck, er sei sich bei seinem dortigen Aufenthalt 1822 - 27 “wie im Zuchthaus vorgekommen” und habe sich in den Jahren “niemals satt essen können.” Der Blick aus dem Fenster auf die Felder am Rande der Stadt brachte ihn zum Weinen. Von seiner Mutter erhielt er nur mahnende und strafende Briefe. In unbeschreiblicher Lieblosigkeit forderte sie darin nur Liebe für sich. Ein Höhepunkt ihres Egoismus bestand darin, daß sie ihre Jungen, selbst in den heiß ersehnten Ferien, nicht heimkommen ließ, sondern gerade in dieser Zeit zu einer ihrer zahlreichen Kuren reiste. Der gutmütige Vater änderte daran nichts, sondern bemerkte nur: “Was tut man nicht alles um des häuslichen Friedens willen.” So ist es noch milde ausgedrückt, wenn Otto sagte: “Ich bin nicht richtig erzogen. Meine Mutter ging gern in Gesellschaft und kümmerte sich nicht viel um mich.” Später erzählte er, der Mutter hätte das gefehlt, was die Berliner “Gemüt” nennen. Ihr Ziel für Otto war eine Ausbildung für einen Beruf in den Kreisen aus denen sie stammte.
Gerechterweise muß man aber Wilhelmine auch manches zugute rechnen. Siebzehnjährig wurde sie zu einem 35-jährigen Mann, der ohne besondere Begabung und Leidenschaft war, aus der Residenz in die Provinz nach Schönhausen geschickt. Dort mußte sie im Gegensatz zu ihrem Herkommen und zu ihren Neigungen Gutsherrin werden. Dazu gab es in Schönhausen zwar viele Bedienstete, die einen ganzen Flügel des Herrenhauses bewohnten, aber sie mußten angestellt und beaufsichtigt werden und hatten auch ihre eigenen Probleme. Für alles das trug “die Gnädige” die Verantwortung.
Vor allem aber brachte Wilhelmine von 1807 bis 1827 sechs Kinder zur Welt, von denen drei im Alter von 2, 3 und 4 Jahren starben. Bernhard (24.07.1810) und Otto (01.04.1815) kamen in Schönhausen zur Welt, Malwine, die 12 Jahre jüngere Schwester Ottos, wurde 1827 in Kniephof geboren. Der Vater wird wohl in seiner Gutmütigkeit, die in Gleichgültigkeit übergehen konnte, kaum an der Erziehung beteiligt gewesen sein. Wie sollte Wilhelmine dieses Dasein allein bewältigen? 1816 siedelte die Familie nach Kniephof über. Im Winter wohnte man weiterhin in Berlin. Es ist verständlich, daß Wilhelmine Pläne hatte, Otto aus der Gutsherrschaft herauszuführen.
Die dauernde Sorge um die eigene Gesundheit erfuhr schließlich eine Bestätigung in einer Krebskrankheit, an der Wilhelmine am 01.01.1839, noch nicht 50 Jahre alt, in Berlin verstarb. So wird man einerseits im Verhalten Wilhelmines zu den Kindern erinnert an das Wort der Bibel im 1. Korinterbrief Kapitel 13 Vers 3 “... und hätte der Liebe nicht”, andererseits bleibt aber manches unausgesprochen an Enttäuschungen, Leiden und Schmerzen. Das eigene Leben war erfüllt von Gegensätzen nach Herkunft, Fortgang und Ausklang. Ferdinand, der Ehemann, ließ auf die Gedenktafel in der Kirche zu Schönhausen schreiben: “Schwer prüfte sie Gott durch körperliche Leiden, sie ertrug selbige mit großer Geduld und Sanftmut.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Psalm 126,5 Der trauernde Gatte der zu früh geschiedenen Gefährtin.”

© 2000 Sebastian Beyer / Friedrich Carl Eichenberg